Jutta Rahenbrock
9. Dezember 2019 0
Collaboration

Licht und Schatten moderner Collaboration

„Dr‘ Vadder kommt, löschet die onötige Lichter aus!“ Robert Bosch hatte einen seiner berüchtigten Kontrollgänge durch die Firma angetreten und nahm sich die Freiheit, auch unangenehme Fragen direkt mit seinen Mitarbeitern an Ort und Stelle zu klären. Von Mann zu Mann sozusagen. Heutzutage im Zeitalter der microsoftisierten Kommunikationskultur undenkbar. Da wird ein Mail gesendet, das im Posteingang versandet oder gar verendet.

Agile Collaboration-Kultur vs. Mail

Unternehmen, die schnell und agil handeln wollen, schauen bislang sehr geringschätzig auf die etablierte Mailkultur. Kommunikation muss schneller, intuitiver sein. Für die Business-Abteilung von Lyft beispielsweise, den Konkurrenten von Uber, funktionierte das klassische Setup der Kommunikation mit Dokumentenaustausch, E-Mail-Kommunikation und Messaging gut. Solange alle Mitarbeiter an einem Ort arbeiteten. Mit der Eröffnung zwei neuer Standorte griff der Fahrtenvermittler zu einem neuen Kommunikations-Tool: Slack.

Slack ist so etwas wie der aufgehende Stern am Kommunikations- und Collaboration-Himmel. Slack soll täglich von rund zehn Millionen Menschen benutzt werden. Die meisten nutzen den Dienst kostenlos (was wohl auch einen Teil des Erfolgs ausmacht). 85.000 Unternehmen immerhin zahlen. Im Juni ging das Unternehmen an die Börse. Mit einer Bewertung von 16 Milliarden US-Dollar. Wenn Sie damals gekauft haben, herzliches Beileid! Sie haben heute (November 2019) ihre Einlagen halbiert. Der Aktienmarkt scheint (noch) nicht auf die moderne Kommunikations- und Collaboration-Kultur zu stehen. Aber das kann ja noch kommen.

Häufig wird Slack als eine Art WhatsApp fürs Business beschrieben. Wobei das dem Tool nicht gerecht wird. Was aber Slack mit Twitter und WhatsApp gemein hat, ist das immense Tempo und die einfache, offene Kommunikation, die auch Unternehmenssilos zum Bröckeln bringt. Und die in puncto Kommunikation auch ein Umdenken der Mitarbeiter einfordert.

Neu ist schick ist gut?

Geschwindigkeit ist das A und O bei Slack. Doch Einfachheit von Kommunikation führt auch zu mehr Kommunikation. Für einen Sozialwissenschaftler mag das jetzt eine gute Nachricht sein, für den Mitarbeiter eines Unternehmens (oder eine Führungskraft) kann sich „mehr Kommunikation“ schnell zu einem „Mehr an Albtraum“ entwickeln. Denn mehr Kommunikation heißt nicht unbedingt „mehr Arbeit erledigt“. Und vor allem heißt es nicht: hochwertige Kommunikation.

Wenn der Held des Filmes im Treibsand versinkt, dann entwickelt er selten ausgeklügelte Pläne, um seinen Sidekick anzuweisen. In der Regel ruft er: „Bleib stehen! Zieh mich raus!“. Eventuell fügt er noch an (falls sein Sidekick keiner von der hellen Sorte ist): „Nimm ein Seil!“. Kurze prägnante Anweisungen für agiles Arbeiten. Eine Detaildiskussion ist nicht angesagt. Übertragen auf agile Collaboration Tools: Slack erhebt den Notfall zum Normalfall und etabliert eine twittereske Unternehmenskultur. Und schnelle Kommunikation ist zunächst mal kein Fehler, kann in vielen Situation hilfreich und wichtig sein.

Alle Kommunikationsbedürfnisse in einem Tool?

Aber wenn Dringlichkeit zur Ägide wird, verliert Kommunikation Gewicht bzw. Nachhaltigkeit. Kollegen, die nicht pausenlos „on“ (z.B. durch Kundenveranstaltungen) sind, können leicht den Anschluss verlieren. Und das Durchwühlen von Massen entgangener Nachrichten auf der Suche nach relevanten Inhalten kann schon mal aufwändig werden. Mir scheint es offensichtlich, dass vor allem im internationalen Umfeld (mit verschiedenen Zeitzonen) eine solche Art der Kommunikation mit einer künstlichen Intelligenz angereichert werden muss – die Wichtiges von Unwichtigem trennt. Damit die Kommunikation nicht den Informationsaustausch erstickt.

Werden wir in zehn Jahren alle slacken statt mailen? Ich wage es nicht, das zu prognostizieren. Aber die realen Business-Anforderungen bestehen nicht nur in Agilität und Geschwindigkeit. Für das Entwickeln von Themen sind auch Nachhaltigkeit und Diskussionstiefe wichtig. Auch dafür werden wir Tools brauchen – allzumal die Kreativität von Menschen in den nächsten Jahren eines der Differenzierungsmerkmale gegenüber den künstlichen Intelligenzen sein wird. Also werden wir wahrscheinlich in einer „Hack & Slay“, Verzeihung „Slack & Mail“-Kultur leben. Das passende Tool für den passenden Zweck. Aber bitte angereichert mit der Empathie, die Collaboration-Tools auch richtig einzusetzen. In Boschs Zeiten werden wir kaum zurückkehren …

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