Jutta Rahenbrock
13. November 2019 0
Collaboration

5G und das Land der Träume

„You can look, but you can’t touch“ – ich weiß nicht, wie oft ich das von meinen Kindern schon verlangt habe – insbesondere im Supermarkt oder in Museen. Aber seien wir ehrlich: Wir Erwachsenen sind auch nicht besser – zum Beispiel sehnen wir uns nach IT zum Anfassen. Das scheiterte bislang meistens an den Möglichkeiten. 5G könnte das ändern.

5G in der Büro-Collaboration

Hie und da experimentieren Think Tanks schon mit neuen Collaboration-Funktionen wie virtuellen Whiteboards. In diesem Zusammenarbeitsmedium können Kollegen in Echtzeit gemeinsam Ideen entwickeln, zeichnen, animieren. Mit Gesten. Also quasi IT zum Anfassen. Das mag für den einen oder anderen einen Zugewinn an Effizienz bedeuten oder vielleicht einfach cool zu erleben sein. Aber – wenn ich ehrlich bin – bin ich doch mit den Funktionalitäten, die mir mein Arbeitsplatz bietet, recht zufrieden. Ok, große Dateien dürften ein bisschen zügiger vom OneDrive geladen werden. Was für den Büro-Collaboration-Arbeitsplatz lediglich einen Zuwachs an „Convenience“ oder „User Experience“ bedeutet, das kann aber in anderen Arbeitssituationen essenziell werden.

Echtzeit-Anwendungen in Produktionsunternehmen

Denken wir beispielsweise an Produktionsunternehmen, die weitläufige Campus unterhalten, in denen viel Bewegung ist. Kabel für die Datenübertragung funktionieren an Maschinen und Anlagen gut, die auf Jahre hinaus am selben Ort stehen. Moderne flexible Konzepte aber oder all die „Dinge“, die sich bewegen, sind da außen vor. Oder können Sie sich eine verkabelte Gabelstapler-Flotte vorstellen?

Produktive Betriebsamkeit braucht kabellose Netze. Mit WLAN gab es seither schon Möglichkeiten, mobile Dinge auf dem Betriebsgelände zu vernetzen, z.B. um sie wiederzufinden. Aber diese Technologie hat ihre Grenzen. Insbesondere wenn plötzlich Zehntausende von Kleinstgeräten oder Bauteilen mitfunken wollen – oder wenn komplexe Funktionen wie autonomes Fahren unterstützt werden sollen, bei denen es auf Echtzeit und die Übergabe zwischen Funkzellen ankommt.

Wenn fahrende Roboter schwere Lasten über das Fabrikgelände fahren, dann muss sichergestellt werden, dass sie auf die sie umgebende Dynamik reagieren können. Beispielsweise wenn auf dem Weg plötzlich eine Palette steht (weil der Transporteur schnell mal ums Eck musste). Oder zwei menschliche Kollegen sich eine Pausenzigarette genehmigen. Echtzeit kann also durchaus ein Thema von Leib und Leben werden. Dafür müssen wir nicht mal Feuerwehrmänner mit vernetzten Devices in brennenden Häusern bemühen.

Ende des Tempolimits

Das Heraufziehen des 5G-Zeitalters verspricht – zumindest für den Moment – das Ende des Geschwindigkeitslimits für den Datentransfer. Bei 5G fühlt man sich an das olympische Motto erinnert: Höher, schneller, weiter. Gegenüber dem aktuellen LTE-Standard (4G) bringt 5G nicht nur eine Verzehnfachung der Übertragungsraten, sondern es können auch noch wesentlich mehr Endgeräte mit zuverlässiger Übertragungsqualität (Qualität of Service) verwaltet werden. Bei 4G/LTE waren zu Beginn 300 MBit/s im Download möglich, im Advanced-Modus heutzutage sind das immerhin bis zu 1 Gbit/s. Theoretisch. 5G verspricht 10 Gbit/s – mit dem Faktor 10 also ein echter Meilenstein. Dann kann beispielsweise 1 TB an Daten in 100 Sekunden geladen werden.

5G ist eine Technologie, die nicht nur Telekommunikationsanbieter zum Träumen verleitet. Die neue Basistechnologie ist eine Verheißung, all die Ideen umzusetzen, die bislang an der realen Leistungsfähigkeit der Mobilfunknetze abgeprallt sind. Kein Wunder haben Telekommunikationsunternehmen im Juni über 6 Milliarden Euro für den Zugriff auf die entsprechenden Frequenzbänder in Deutschland bezahlt.

Anwender wollen die 5G-Potenziale heben

Was aber in puncto Akzeptanz von 5G für mich noch viel bedeutsamer erscheint: In der zweiten Jahreshälfte werden einige große Anwenderunternehmen wie nach entsprechenden Frequenzen greifen, um ihre eigenen 5G-Campusnetze aufzubauen. Sie haben den Business-Mehrwert von 5G für ihr Unternehmen erkannt: Die Fülle der Möglichkeiten für Effizienzsteigerung, höhere Flexibilität oder schlicht und einfach das Erproben neuer Ideen, wie beispielsweise Industrial  IoT – für eine zentrale mobile Produktionssteuerung, Anlagen- und Maschinenmonitoring (Predictive Maintenance) oder den flächendeckenden Einsatz von Augmented-Reality-Anwendungen. Eine Alternative zu komplett eigenen 5G-Netzen sind sogenannte Dual Slice Campus Netze, die auf gleicher Campus-Infrastruktur sowohl das private als auch das öffentliche Netz ausstrahlen – und damit gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

Auch wenn 5G die Basistechnologie sein wird: Der wahre Mehrwert entsteht dann, wenn es gelingt, integrierte Lösungen von der Konnektivität bis hin zur Datenanalyse zu realisieren. Sonst bleibt es beim Traum.

Meine Prognose: Campusnetze für digitale oder smarte Fabriken werden eine der ersten Live-Anwendungen für 5G sein. Bis in mein Büro (oder mein Home Office) das virtuelle Whiteboard einzieht – das hingegen wird sicherlich noch ein bisschen dauern. Ich bin gespannt, wann das Zeitalter von „You can look and now you can touch“ in meinem Büro anbricht.

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