Korbinian Lehner
25. Juni 2014 0
Cloud

Die Revolution im Kaffeehaus

Es ist eine kleine Revolution, ein Umdenken in der Branche und ein Zeichen, das gesetzt wurde. Die Welt der ständigen, mobilen Kommunikation wird sich verändern, denn Starbucks, die heute allgegenwärtige Kaffeehauskette, kündigte vorletzte Woche nicht mehr als eine kleine Sensation an. Man wolle, so der Konzern, in allen Filialen mehr als 100.000 drahtlose Ladegeräte für Mobiltelefone installieren. Kostenlos, für schnelles, drahtloses Aufladen optimiert und an (fast) jedem Platz in den Läden verfügbar.

Strom für alle, Daten aus der Cloud

Die eigentlich profane Ankündigung des Kaffeeriesen klingt im ersten Moment belanglos. Auch schon heute sieht man Kunden in deren Shops an den vorhandenen Steckdosen Handys und Laptops aufladen, denn vielen bietet der nächste Coffee-Shop die ideale Atmosphäre zum Arbeiten oder entspannt kommunizieren. Die Ankündigung beinhaltet auf den zweiten Blick jedoch einen Paradigmenwechsel, wie er auch in den letzten Jahren beim Cloud-Computing stattgefunden hat.

Was war beim Cloud Computing passiert: noch vor wenigen Jahren wurden private Daten meist auf dem heimischen PC gespeichert. Wer ein Heimnetzwerk sein eigen nannte, hatte oft Speicherlösungen (sogenannte „network attached storages“) installiert und Backups wurden auf USB Speichermedien aufbewahrt – online zu sein war damals zwar möglich, aber noch lange kein Normalfall. Seitdem jedoch Netzanbindung via DSL oder Mobilfunk flächendeckend gegeben ist und private Cloudstorage-Lösungen wie das Mediencenter oder Dropbox Einzug gehalten haben, werden die meisten Daten online aufbewahrt. Zu einfach ist der Zugriff von unterschiedlichen Endgeräten oder der gemeinsame Zugriff in Gruppen. Der Fall „Offline“ oder „Daten an anderer Stelle gespeichert“ trat damit immer seltener auf, selbst unterwegs ist man heute stets online, mit dem eigenen Cloud-Speicher verbunden und kann sich in den wenigen Zeiten der mobilen Netzabwesenheit nur schwer damit abfinden.

Vom Cloud Computing zum Ladegerät – der Paradigmenwechsel findet statt

Ähnlich wie vor einigen Jahren verhält es sich heute mit dem Ladestrom von Mobilgeräten. Immer mehr Sensoren, größere Displays oder veränderte Bauweisen sorgen für wachsenden Strombedarf, was meist zu Akkulaufzeiten von weniger als einem Arbeitstag führt. Doch das „geladen werden“, das „am Strom hängen“ ist immer noch der Ausnahmefall. Wir laden das Handy oft nachts, verärgert auch zwischen zwei Telefonaten (oder Facebook-Posts) oder unterwegs mit einem sperrigen Zweitakku. Der Ladevorgang wird als „betanken“ eines leider viel zu kleinen Energie-Reservoirs betrachet.

Der Stromfluß wird zum Normalfall – der Akku dient als Puffer

Die Idee von Starbucks, Ladegeräte zumindest in deren Ladenstruktur flächenweit anzubieten, läutet hier eine Wende ein. Auch wenn wir alle zumeist nur wenige Minuten oder Stunden in deren Shops verweilen, so kann dieses ein Auftakt zu einem Heer von Ladestationen in allen möglichen Orten, Geschäften oder Firmen sein – ein flächendeckendes „Ladenetz“ wäre gegeben. Im Idealfall ist damit das Mobiltelefon (oder der Laptop) in wesentlich mehr Situationen „am Strom“ als nicht – der Akku dient lediglich als Puffer zwischen zwei Ladestationen. Und ähnlich wie der Fall „Offline“, für den wir Applikationen und deren Daten, Musik, Videos und anderes auch heute noch auf mobilen Endgeräten speichern, würde die Batterie nur noch als Zwischenlösung fungieren und die Häufigkeit leerer Mobiltelefone drastisch reduzieren.

Doch aller Anfang ist schwer

Aber dämpfen wir die Euphorie ein wenig. Noch sind die Pläne des Kaffeeriesen nicht in die Tat umgesetzt und noch scheitert das Vorhaben des „ständigen Ladens“ an zwei wesentlichen Faktoren. Zum einen gibt es noch keine definierten Ladestandards. Einige, wenige Hersteller konnten sich bereits auf eine Angleichung der Ladegeräte einigen, doch das Gros der Handybauer ist noch außen vor. Ein Schimmer am Horizont könnte hier die heute schon gültige Standardisierung der kabelgebundenen Ladegeräte sein, eine Aktualisierung auf einen drahtlosen Standard ist aber derzeit noch nicht geplant. Zum anderen müssten sich andere Ketten, Firmen und auch öffentliche Gebäude einer flächendeckenden Idee einer Lade-Infrastruktur anschließen. Für Gastronomen mit entsprechendem Mehrwert (der Gast könnte wohl länger und mit mehr Konsum im Laden verweilen), für andere Branchen ein Kostenfaktor mit zweifelhafter Amortisierung. Und so bleibt die, meiner Meinung nach immer noch sensationelle Ankündigung wohl nur ein erster Schritt in Richtung einer Zukunft ohne nervige Zweitbatterien und stets vollem Akku. Ich kann es kaum erwarten.

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