Hermann Hänle
7. Januar 2019 0
Automotive

Tankstelle mit Flux-Kompensator

„Ein Freund, ein guter Freund“ – trällerten Willy Fritsch, Oskar Karlweis und Heinz Rühmann 1930. Sie hatten ihr Auto verkauft und sich dafür eine Tankstelle angeschafft. Ob das auch ein Fingerzeig für die Mobilität der Zukunft ist?
Die Autos, die an der Tankstelle damals vorfuhren, erscheinen aus heutiger Brille geradezu vorsintflutlich. Aber eines hat die Zeiten überdauert: Der Durst des Autos nach frischem Benzin/Diesel. Der Tankwart, der das einfahrende Auto freudestrahlend bedient, die Scheibe säubert, den Ölstand prüft … ok, vergessen Sie den letzten Satz. Die große Disruption des Tankprozesses scheinen wir in den letzten 90 Jahren noch nicht verpasst zu haben.

Die digitale Tankstelle
Aber lassen Sie uns unsere Zeitreise 10 oder 20 Jahre in die Zukunft fortsetzen – wenn die „Mobilität der Zukunft“ Gegenwart ist. Die Nachfrage nach Kohlenwasserstoffen ist gesunken (allein schon, weil nicht mehr so viel davon vorhanden ist). Ein autonomes Elektroauto mit künstlicher Intelligenz fährt an der Tankstelle vor. Welche Änderungen lösen neue Autos und eine veränderte Nutzung von Mobilität für die immobilen Elemente des Ökosystems aus?
Aral und das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) haben eine solche Zukunft skizziert. Und diese Vision scheint wohl einen Nerv getroffen zu haben – wenn ich die Zahl der Veröffentlichungen zu dieser Studie betrachte. Ich gebe gerne zu: Auch ich tauche gerne in diese Tankstellen-Utopie ein.

Prognose 1: Flexibler Individualverkehr
Mobilität on Demand scheint das Motto dieser Vision 2040 zu sein. In diesem Szenario mutieren die Tankstellen hin zu logistischen Drehscheiben für die individuelle Mobilität. Batterien für Scooter oder Roller können getauscht werden oder ein autonomes Pool-Auto wird abgegeben oder abgeholt. Die Flotten der Mobilitätsdienstleister werden gewartet und gereinigt. Und das müssen nicht nur bodengebundene Fahrzeuge sein: Lufttaxis erweitern die Optionen für den Individualverkehr.

Prognose 2: Elektro ersetzt Verbrennungsmotor
Für 2040 prognostiziert die Studie immer noch verhältnismäßig wenige reine Elektroautos (1,3 Millionen), aber dafür wird das Straßenbild von Hybriden bestimmt. Mit der entsprechenden Konsequenz für die Tank-, äh Ladesäulen. Die von Lade-/Tankrobotern bedient werden. Es lebe die Prozesseffizienz.

Prognose 3: Services on top
Die Add-on-Services sind auch heute schon absehbar. Beim Wechsel oder Tausch kann der Umsteiger noch einen schnellen oder genüsslichen Cappuccino mitnehmen, ein Paket abholen oder die Einkäufe mitnehmen.

Tankstelle als Logistik-Hot-Spot
In der Welt, in der klassische Ökosysteme und Branchengrenzen durch die Digitalisierung zerfließen, wird die dezentrale Aufstellung der Tankstellenketten zu einer ihrer zentralen Stärken. Als Ankerpunkt für die Logistik werden sie zu kleinen Malls, in denen Verbraucher, Reisende und Pendler dies und das erledigen können.
2040 ist noch weit weg. Da ist ein wenig Träumen durchaus erlaubt. Nichtsdestoweniger erscheint mir die Vision zur Zukunft der Tankstelle nicht vollkommen aus der Luft gegriffen. Die Entwicklungspfade, die wir heute sehen, sind konsequent weiterentwickelt. Autonome und elektromobile Autos in As-you-use-Konzepten werden nicht nur die Mobilität, sondern auch unsere Städte und unsere Gesellschaft verändern. Warum sollten Tankstellen – zumindest in Städten – nicht zu Hotspots werden?

Die autonome Tankstelle – eher Dystopie als Utopie
Ein Punkt zum Schluss noch: Wenn die Prozesse an diesen Logistik-Hot-Spots effizienter werden, läge die Vermutung einer autonomen Tankstelle nahe. Vollständig automatisiert – ohne Menschen. Interessanterweise ist das für die meisten Tankstellenbesucher heute noch eher eine Dystopie, die an Endzeitszenarien erinnert. Nachts an der Tankstelle ohne andere Menschen … Ich bin sicher, dass auch vor Ihrem Kopfkino eher Hitcher, der Highwaykiller, auftaucht als die Drei von der Tankstelle. Schauen Sie lieber zum Schluss das hier an.

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