Hermann Hänle
28. März 2019 0
Automotive

Mobiles Shoppen

Benjamin Blümchen töröt für den Junior aus den Lautsprechern, die älteren Schwestern im Font beschweren sich lautstark und energisch über die unzumutbare Nutzung des CD-Players. Die Mutter versucht zu vermitteln („auch Simon hat Anspruch auf 15 Minuten. Danach können wir wieder Abba hören …“), der Vater – und Fahrer – ist verzweifelt und greift zum rettenden Strohhalm: „Da vorne kommt ein McDonalds …“

Autofahrt trifft Einkauf

Wir wissen nicht, wie diese durchschnittliche Familie auf das Angebot reagiert, aber auch Autofahrzeit ist eCommerce-Zeit. Theoretisch. Das zumindest will uns der Digital Drive Report von PYMNTS und P97 glauben machen. In den USA waren 2018 99 Millionen vernetzte Pendler im Schnitt 51 Minuten täglich unterwegs. Und die stehen offenbar für ein eCommerce-Volumen von 230 Mrd. US-Dollar. Statt nämlich nur vom Heim zur Arbeit (und wieder zurück) zu fahren, kann die Autofahrt doch viel besser genutzt werden – nämlich zum Shoppen.
Typische Güter, die der US-Amerikaner während seines täglichen Pendelns ersteht: Benzin, Kaffee (!), Mahlzeiten und Nahrungsmittel. Nahrungsmittel – auf gut Deutsch der Wocheneinkauf – werden im Anliefermodus oder im Pickup-Modus erstanden. Im Letzterem hat Walmart offensichtlich im letzten Jahr gepunktet: Der „Curbside“ Pickup verschafft dem Einzelhändler im digitalen Geschäft offenbar einen leichten Vorsprung vor Amazon (!): 33 Prozent der US-Konsumenten haben im November angegeben, dass sie kürzlich bei Walmart online eingekauft haben, während Amazon nur auf 31 Prozent kommt.

Digitalisierung verschmilzt zwei Welten

Den Wocheneinkauf via App und/oder Online-Payment auf dem Weg von/zur Arbeit zu erledigen, erscheint als sinnvoller Schritt – insbesondere wenn der Supermarkt direkt am Weg liegt. Oder die Waren im Büro abgeliefert werden können. Bei Tiefkühlprodukten scheint mir Vorsicht geboten – es sei denn der „Workplace of the Future“ hält auch Tiefkühltruhen für seine Arbeitnehmer bereit. Aus Gründen der Work-Life-Balance 😉.
Sätze wie “Schatz, ich kann das Brot auf dem Heimweg beim Bäcker holen“, veranschaulichen, dass der amerikanische „Buy while you commute“-Ansatz gar nicht so aus der (europäischen) Welt ist. Mit Apps und Vernetzung wird er auf ein digitales Niveau gehoben. Und er bietet natürlich die Chance, schneller zum Produkt zu kommen. Im Eingangsbeispiel würde das bedeuten, dass der Beifahrer per App (oder der Fahrer per Sprachsteuerung) die Burger und Pommes Frites vorbestellt und bezahlt, auf dem Parkplatz vorfährt, seine Ankunft meldet, den QR-Code über die bezahlte Rechnung vorzeigt und die Überlebenstüte gebracht bekommt. Convenience pur. Klingt nicht zu utopisch.

Neues Businessmodell oder Alleinstellungsmerkmal?

Das Auto als Außenstelle des Supermarkts – an den Gedanken muss ich erst gewöhnen: Aber als Intermediär (oder Plattformanbieter) bietet diese Konstellation Automotive-OEMs dann die Chance entweder direkt (als eine Art „Reseller“ oder „Affiliate Marketer“) an den Retail-Geldströmen zu partizipieren – vielleicht über spezifische Connected-Car-Funktionalitäten. Zumindest aber entsteht mit diesen Mehrwertdiensten ein intensiverer Nutzerkontakt und eine stärkere Verankerung des Autos im Leben des Nutzers. Auch das könnte zu Beginn ein Differenzierungsmerkmal, nach der Etablierung möglicherweise sogar ein Hygienefaktor beim Autokauf werden. Oder ein Asset im Kampf um die Schnittstelle zum Kunden, wie BMW-Chef Krüger auf der DLD kürzlich sagte. „Seiten-Airbags und enges Battereieaustausch-Netz sind für mich ok. Haben Sie aber auch eine Retail App integriert?“
Und wenn wir den Faden weiterspinnen … natürlich verbringen wir mobile Zeiten nicht nur in Auto: Nahverkehr, Bahn, Flugzeuge … buy when you travel könnte viele Gesichter haben. Solange das Flugzeug nicht bei der Bestellung der Handcreme abstürzt …

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