Hermann Hänle
15. November 2018 0
Automotive

Das Auto aus dem Replikator

„Ein Schnitzel mit Pommes Frites und Salat, bitte“ – wie man als eifriger Startrek-Geek weiß, ist die Technologie der Materie-Replikation im 24. Jahrhundert schon weit fortgeschritten. Nicht nur das Essen kommt bei der Enterprise frisch zubereitet aus dem Nahrungsreplikator, auch ganze Maschinen und Körperteile lassen sich herstellen – Sprachschnittstelle bei der Bestellung inklusive.

3D-Druck als Innovationstreiber

Ganz so weit ist die Automobilbranche noch nicht – aber es vergeht keine Woche, in der nicht über neue Meilensteine im 3D-Druck oder der additiven Fertigung zu lesen ist. Und damit ist sie schon einige Schritte weiter als die „Nahrungsmittelprovider“, die es bislang bis zur Kaffeemaschine gebracht haben 😉
Als „geheimer Innovationstreiber“ wird die Technologie hie und da gehandelt. Die Analysten von Allied Market Research sehen einen Umsatzbeitrag von 2,7 Mrd, US-Dollar bis 2023, bei jährlichen Wachstumsraten von knapp 20 Prozent. Wirkt noch nicht so üppig, aber für eine relativ junge Technologie doch schon ganz beachtlich. Wie üblich bei Druckern fließt ein großer Teil der eingesetzten Budgets in Tinte und Toner, äh Werkstoffe: Frost & Sullivan sieht Umsätze von etwa 570 Mio. US-Dollar im Jahr 2024 für die Automobilbranche. Jährliches Wachstum knapp 18 Prozent – ausnahmsweise scheinen sich die Aussagen verschiedener Analysten im Großen und Ganzen zu decken.

Neue Automobilbauer schießen wie Pilze aus dem Boden

3D-Druck ist das Social Media des Automobilbaus. Durch Social Media kann jeder ein Informationsverbreiter werden, durch 3D-Drucker entsteht gefühlt in jeder zweiten Garage ein neuer Automobilhersteller – ohne jahrzehntelange Markenbildung. Local Motors mit ihrem Ollie und das italienische Start-up X Electrical Vehicle (XEV) sind nur zwei Beispiele, bei denen große Teile des elektrischen Kunststoffautos aus dem Replikator Drucker kommen.
Aber auch die großen Namen schrecken vor der additiven Fertigung nicht zurück: Zu verbreitet ist dessen Einsatz schon für Prototypen, Werkzeuge und Ersatzteile. Auch wenn wir in den nächsten Jahren wahrscheinlich noch keinen Porsche oder Lamborghini aus dem 3D-Drucker sehen werden, so ziehen gedruckte Einzelteile doch in die Fertigung zumindest kleiner Serien ein: Bei Bugattis Divo sind es die Heckleuchten, beim BMW i8 die Dachkonsole. Weitere Beispiele lassen sich fast beliebig ergänzen.

Agilität als großer Vorteil

Die Vorteile des Verfahrens sind ein Spiegelbild der Digitalisierung: Die Geschwindigkeit, in der Bauteile nach Bedarf entstehen und vor Ort verfügbar sind. Die geringen Kosten durch eine extrem schlanke Produktion, die viele tradierte Instrumente und Zwischenschritte nicht benötigt und die keine Nachbearbeitung erfordert. Dabei kann vom Kunststoff bis zum Metall eine breite Palette von Werkstoffen eingesetzt werden. Und noch ein Punkt spricht für die Drucker: Je komplizierter das Werkstück, desto größer sind die Vorteile durch den Drucker gegenüber herkömmlichen Fertigungsmethoden.
Auf der anderen Seite wird Druckersoftware, die wir uns kostenlos von Webseiten herunterluden, nun zu einem direkten Produktionsfaktor. Den sich die Hersteller gut bezahlen lassen. Ebenso wie die High-End-Drucker selbst. Aber vergessen wir nicht: Die Technologie steht noch am Anfang.

Additive Fertigung als Puzzleteil der Produktion

In den nächsten fünf Jahren wird – allein schon wegen der vielfältigen Einsatzszenarien auch außerhalb der Automobilbranche – die Leistungsfähigkeit in gleichem Maße steigen wie die Preise sinken. Ob wir jemals ein Auto aus dem Replikator sehen werden? Fraglich. Elon Musk mag vielleicht davon träumen, aber 3D-Drucker als Bestandteile von Fertigungsstraßen – daran wird vermutlich kein Weg vorbeiführen. Wie immer gilt: Das richtige Tool am richtigen Platz bringt den größten Nutzen.
Stellen wir uns nur eine Werkstatt vor, in der Sie hören: „Moment, wir drucken das Teil gleich aus. Trinken Sie solange einen Kaffee“ statt „Oh, können Sie morgen wiederkommen? Wir müssen das Teil erst bestellen …“

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