Hermann Hänle
11. Januar 2019 0
Automotive

Automobile Science Fiction zum Anfassen

„Die Luft wird von den in großer Anzahl auftretenden Benzinmotoren erbarmungslos verdorben“ –Ludwig Lohner engagiert sich für das Elektroauto. Klingt aktuell – das Zitat stammt aber von der Jahrhundertwende. Vom 19. ins 20. Jahrhundert.

Technologie lässt Menschen träumen – schon immer

Früher gaben die Weltausstellungen den Rahmen für das technologische Schaulaufen. Beispielweise 1900 in Paris („ … und nun die 500 Euro-Frage: Welches Bauwerk wurde anhand der Weltausstellung 1900 in Paris errichtet …“). Neben dem wohlbekannten Eiffelturm hatte diese Weltausstellung nachhaltigen Einfluss auf die Mobilität der Zukunft: Sie präsentierte als „Welturaufführungen“ die Metro, den Oberleitungsbus und mit dem Lohner-Porsche das erste elektrische Hybridauto (!). Wer möchte, kann natürlich auch gerne die Rolltreppe als Mobilitätsbeitrag der Zukunft einstufen. Der Vollständigkeit halber hier noch die nicht-mobilen Weltneuheiten von 1900: Film, Krimsekt, Brillantine (für das gepflegte Haar) und Heliogravüre (ein Druckverfahren).
Das Elektroauto konnte sich damals offensichtlich nicht durchsetzen. Benzin und Diesel trugen den globalen Sieg davon. Wo wir heute wohl wären, wenn Lohners/Porsches Entwurf ein Verkaufsschlager geworden wäre? Die Entwicklungen von damals zwingen uns heute im 21. Jahrhundert dazu, die Diskussion wieder aufzunehmen: um Feinstaub, Luftverschmutzung, Ablösung vom Erdöl als Energieträger, urbane Mobilität. Es scheint, als ob Lohner mit seinem Ideen ziemlich weeeeeiiiit vor seiner Zeit war (offenbar das, was wir heute einen Visionär nennen würden).

Autos als Gadget – Consumer Electronic Show

Was damals die Weltausstellung, ist heute die CES (Consumer Electronics Show) in Las Vegas. Ursprünglich eine Domäne der Handys, Spielekonsolen, Computer und Fernseher stellen sich dort auch in wunderbarer Regelmäßigkeit nicht nur Automobil-OEMs, sondern auch Zulieferer ein und beteiligen sich am Befeuern der Technoträume. Hyundai präsentiert ein laufendes Auto, Bosch und Schaeffler (und Rinspeed) zeigen Shuttles für den Stadtverkehr, Harley-Davidson ganz im Sinne des Zeitgeistes ein Elektromotorrad. Mercedes präsentiert seinen erweiterten Sprachassistenten, Audi ein rollendes Kino für die Sinne sowie VR-Erfahrungen für die Mitfahrer.

Let me Entertain you – das Autokino

Ob sich Autos tatsächlich in der Breite zu solch rollenden Entertainment-Inseln entwickeln? Wenn das so wäre, würden ab 2025 (angepeilte Serienreife) die Besucherzahlen in Autokinos dramatisch zurückgehen 😉. Für die VR-Erfahrung immerhin scheint es ein Einsatzszenario zu geben – der Genuss der Fahrt mit allen Sinnen (und eingeblendeten Filmsequenzen) soll die Reiseübelkeit reduzieren. Die VR-Brille könnte vor allem dann zu empfehlen sein, wenn der Fahrer etwas ungestüm fährt.
Auto goes Entertainment – offensichtlich setzen OEMs (gleichermaßen wie Content-Anbieter und Technologiefirmen, Beispiel Samsung) auf diesen Trend. Nichtsdestotrotz – nicht alles, was möglich ist, wird sich auch am Markt durchsetzen. Das beste Beispiel dafür ist wohl unser Lohner-Porsche. Aber das ist auch nicht das Ziel der Messe. Viel mehr wird uns als Verbrauchern – und Autofahrern – vor Augen geführt, was möglich ist. Und das ist eine ganze Menge. Moderne ICT ist ein faszinierender Baukasten – nicht nur für Entertainment auf der Autofahrt.

p.s.: Am Rande der Messe soll ein autonomer Tesla einem Promotion-Roboter über den Haufen gefahren haben. „Zufällig“ war auch eine Kamera zur Hand, um das Geschehen festzuhalten. War of the Machines? Ein reizvoller Gedanke. Aber ein Fake.

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