Die Nagelprobe

Cloud Blog / 26. Juli 2011

Ich habe eine Idee für einen Clouddienst: Ich drucke und vertreibe schicke Kleber, die jeder, der sich berufen fühlt, auf seine physischen und nicht physischen Produkte und Dienste kleben kann. (Ok, ich gebe zu, dass ich mir zum Teilprozess “An virtuelle Dienste ankleben” noch ein paar Gedanken machen muss.) Aufdruck: “Delivered from the Cloud” oder wahlweise “Made in the Cloud” oder ganz kurz: “cloud-grade”.

 

Das wird bestimmt ein Schlager! Und damit bediene ich natürlich einen aktuellen Trend, alles mit dem Cloudlabel zu schmücken. Das ist zum einen nicht nur völlig harmlos, weil man mit ein bisschen Fantasie sowieso quasi jeden Dienst als Clouddienst kennzeichnen kann.  Zum anderen weil man die Marketingflagge ohnehin schwingen muss, denn als Ewiggestriger und “Non-Innovativer” will sich keiner outen. Eine der schlimmsten Beleidigungen in der Zukunftsbranche IT.

 

Der Spaß hört dann auf, wenn die potenziellen Kunden die Botschaften glauben! Ich sehe quasi Ihr Stirnrunzeln, denn das ist doch schließlich das Ziel des Flaggeschwenkens. Aber das Ziel der Wünsche kann es doch nicht sein, sich ein Cloudmäntelchen umzuhängen. Sondern vielmehr einen Clouddienst verkaufen zu können. Oder noch exakter: ihn auch liefern zu können.

 

Kunde droht mit Auftrag
Oder wie würden Sie reagieren, wenn ein Interessent dann ankommt und sagt: “Ok, ich hätte gerne mal ein Cloudprojekt gestartet und möchte jetzt ihre Kommunikations- und Kollaborationssuite aus der Cloud. Für, sagen wir, 2000 Nutzer?” “Und dann antwortet ihm der Provider … sorry, das sind zuwenig …”

 

Wie fragte einst das Gretchen den Faust? “Nun, sag, wie hast Du´s mit der Cloud? Du bist ein herzlich gut Provider – allein ich glaub, Du hast nicht viel davon” – ok, das ist leicht entfremdet. Das haben Sie als Literaturkenner natürlich erkannt ;-)

 

Finden Sie das nicht auch eigenartig, wenn der Anbieter sagt, das seien zu wenig Nutzer? Worauf könnte denn so eine Aussage gründen? Wahrscheinlich gibt es dafür tiefschürfende, komplexe Antworten, die für mich einfachste Antwort hingegen ist: Es handelt sich nicht um ein Cloudangebot, sondern nur um “So-tun-als-ob”. Dabei sollte doch (zumindest) ein (Public) Cloud-Angebot keinen Unterschied machen zwischen einem und einer Million Nutzern. Ein standardisierter Service für alle – so die einfache Gleichung. Das mag in einer private Cloud anders aussehen.

 

Entweder kann der Anbieter nicht liefern oder aber es lohnt sich nicht für ihn – die zwei naheliegendsten Möglichkeiten. Und wenn man dann erst bei Kundenanfrage die Investitionsmittel in die Hand nimmt, um eine neue, eigene Plattform für den Betrieb der Lösung aufzubauen – hallo! – dann hat das mit Cloud Computing nur bedingt zu tun. Oder wie man so schön sagt: Es kommt drauf an, was rauskommt ;-)

 

Gut, irgendwann muss man mal anfangen. Und da gilt: “Jeder fängt mal klein an”. Aber das unternehmerische Risiko muss der Anbieter eingehen, wenn er Cloud anbieten will – das unterscheidet sich nicht von anderen geschäftlichen Szenarien. Von nix, kommt nix. Offenbar hat die Cloud diese Denke beerdigt – das würde den viel beschworenen Paradigmenwechsel auf den Punkt bringen. Aber ein Cloudangebot ohne ein Cloud-Produktionsmodell dahinter – das wird der Anbieter irgendwann in der Bilanz spüren. Lavieren kann teuer sein – und hilft zudem Vertrauen zu verlieren. Wer´s mag …

 

Reduzieren kann ich das Risiko nur, wenn ich kein Vollsortimenter sein möchte, der von der Infrastruktur bis zur Applikation (oder gar zum Businessprozess – wie Forrester sagt) alles übernimmt.  Dann greife ich zur Arbeitsteilung und lasse die Investitionen, die andere für mich getätigt haben, für mich arbeiten: Hole mir über IaaS die nötigen Ressourcen nach Bedarf, setze auf einer bestehenden PaaS auf und hebe meine eigene Software oben auf – oder noch besser: setze mir was aus existenten (vielleicht kostenlosen) Services zusammen. Geringer Einsatz, überschaubares Risiko, echtes Cloud Computing – halt nicht selbst gemacht, sondern quasi aus dem Dr. Oetker-Päckchen angerührt (“Instant Cloud”). Anders als bei Dr. Oetker funktioniert das aber nur mit genügend Köpfchen …

 

Sollen wir die Frage nochmal stellen, warum der Mittelstand den Cloud-Anbietern die Türen nicht einrennt? Vielleicht wäre ein bisschen mehr Wahrheit und ein bisschen weniger Cloud ganz hilfreich. Und vielleicht können wir nochmal über die “echte”Cloud sprechen – und darüber, dass auch konventionelle IT-Services manchmal die richtige Antwort sind …

 

Bleiben Sie auf der Suche rät Ihnen
Martin Reti

 

Kommentare


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  • Roland Judas

    Hallo Herr Dr. Reti,

    auch wenn der Einstieg sehr provokant ist, treffen Sie mit dieser dieser Diskussion mal wieder ins Schwarze – Was steckt wirklich hinter den unzähligen Cloud-Angeboten bzw. wie flexibel kommen diese beim Kunden an?

    Da wir uns nun schon geraume Zeit mit konkreten Angeboten befassen, könnte ich einige Lieder davon singen. Die Kurzversion ist, das abgesehen von den großen Public-Cloud-Anbietern momentan nur wenige Firmen in der Lage sind, ‘echte’ Cloudangebote mit entsprechender Flexibilität anzubieten. Manche Anbieter gehen hier nach dem Motto vor “Natürlich kann der Kunde die Cloud nur 4 Wochen im Jahr nutzen, er muss halt 12 Monate bezahlen.” Es ist doch völlig klar, das einer das Risiko tragen muss, nämlich meist der der die Hardware- und RZ-Kosten letztendlich übernimmt, nur ist gerade die Flexibilität beim Bezug und bei der Bezahlung eines der wichtigsten Merkmale von Cloud Computing-Angeboten.

    Es scheint, als würden oft die Vorteile eines Public-Cloud-Angebotes a la Amazon wie ein Sticker auf konventionelle RZ- und Hostingangebot geklebt, womit wir bei Ihrer Einleitung wären. An dieser Stelle wäre eine differenziertere und offenere Darstellung der Angebote schon hilfreich. Dann klappts bestimmt auch mit dem Mittelstand.

    Roland Judas

  • Dr. Martin Reti

    Hallo Herr Judas,

    was sollte ich da noch hinzufügen. Wir sind beim alten Ansatz des Cloud Washing.
    Deshalb bin ich so skeptisch, wenn mir jemand was über Cloud erzählt und eben nur das Preis- bzw. Bezahlmodell als das allein Seligmachende verkauft.
    Man muss es schon mit dem Komplettpaket (auch dynamische Produktion und Standardisierung etc.) probieren.
    Wenn man für jeden Kunden ein Extrawurst brät, wird das nicht Cloud. Und dann wird der Anbieter das finanziell bereuen.

    Beste Grüße in den Großraum Frankfurt
    Martin Reti

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