Hermann Hänle
1. September 2015 2
Automotive

Das Wettrennen um das autonome Fahren

„Wird das autonome Fahren in Deutschland an der zu langsamen Politik scheitern?“ – diese Frage stellte mir kürzlich ein Student im Rahmen seiner Bachelorarbeit. Natürlich neigen wir Deutsche gerne dazu, unsere Politik als die Quelle allen Übels ins Visier zu nehmen. Aber … allein in diesem Fall fehlt mir der Glaube. Ich sehe zumindest einen Dreikampf um den größten Bremsfaktor.

Lieblingsthema der Medien: autonome Autos

Definitiv nicht zu den Bremsfaktoren gehört das Marketing. Beinahe im Tagestakt werden wir von Fach-, Wirtschafts- und allgemeiner Presse über die Fortschritte des autonomen Fahrens aufgeklärt. Anfang August war das beispielsweise der Kauf von Here durch das Daimler-BMW-Audi-Konsortium. Eine Woche zuvor die Ankündigung von Daimler einen autonomen Truck auf deutsche Autobahnen zu schicken, weitere drei Wochen zuvor informierte Bosch, über einen autonomen Test-Tesla auf der A 81.
Wie es scheint, ist die Invasion der „Autonomen“ quasi schon Realität. Aber das stimmt natürlich nicht. Es gibt tatsächlich noch einige Hürden zu nehmen: technische, rechtliche und psychologische. Welche davon sich als die schwierigsten erweisen, ist noch völlig offen.

Die liebe Technik

Technische? Ja, es gibt durchaus noch einige technische Herausforderungen: Dabei spielt unter anderen der Kauf von Here auch eine Rolle. Denn autonomes Fahren braucht detailliertes Kartenmaterial. Die Feinheit von Google Maps, das uns an jeden Baggersee und durch die Stadtzentren dirigiert, reicht dafür nicht aus. Autonome Autos benötigen Positionsangaben auf einige Centimeter genau. Und die soll Here liefern. Das autonome Auto muss aber nicht nur dieses aktuelle Kartenmaterial „kennen“, sondern auch seine Umgebung genauestens im „Blick“ behalten. Erst die Kombination aus beidem macht das autonome Fahren möglich und sicher. Dafür braucht es aber auch eine neue Generation von kostengünstiger Umgebungswahrnehmung. Und das wiederum bedeutet nicht ein Weniger, sondern ein Me(e/h)r an Daten. Höhere Präzision, mehr Daten – die Relation ist ziemlich simpel. Willkommen in der Welt der Datenexplosion.
Das fordert dann – unsichtbar von Fahrer und elektronischem Chauffeur – eine leistungsfähige IT-Plattform im Hintergrund, die in Windeseile große Datenmengen auswertet. Ergänzt um schnelle Netze, die Daten bzw. Resultate vom und ins Auto transportieren. Dazu kommt: Die Konkurrenz um Bandbreite wird zunehmen, denn Autos werden nicht die einzigen Dinge sein, die in fünf oder zehn Jahren Netzwerke als Kommunikationskanal nutzen. Und über das Thema Sicherheit haben wir noch gar nicht gesprochen. Wer möchte schon, dass sein autonomes Auto gekidnappt wird – womöglich mit seiner Familie an Bord?

Die liebe Psychologie

Und das bringt uns direkt zur Gretchenfrage: „Nun sag, wie hast du’s mit dem Autonomen? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“ In einer Umfrage von Creditplus sehen sich lediglich drei Prozent der Bundesbürger in zehn Jahren am „Steuer“ eines autonomen Autos, die meisten wollen die Kontrolle (und den Fahrspaß) behalten. Die Ergebnisse einer KÜS-Umfrage, der Kraftfahrzeug-Überwachungsorganisation freiberuflicher Kfz-Sachverständiger, unterstreichen dies: Hier wollen 80 Prozent der Befragten Herr bzw. Frau der Lage sein – und das Fahren nicht einem Elektronengehirn überlassen.
Wenn wir also über die Bremsklötze nachdenken, dann hat sicher auch die Psychologie gute Karten auf den ersten Platz. Ich zumindest würde darauf setzen. Oder was sehen Sie vorne?

2 Kommentare

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