Regelmäßig stellt sich die Frage, wie man rückverfolgen sollte. Muss man jedes Teil tracen, oder reicht es die Charge (Auftrag) einfach nur zu protokollieren. Beides bringt Vor- und Nachteile mit. Bringt man die Nummer bereits am Anfang auf, oder erst am Ende der Produktion, denn auch hier gibt es Gründe für und wider ein solches Vorgehen. Wie macht man es am besten.
In der Praxis scheint sich m.E. die Mähr verbreitet zu haben, dass es wirtschaftlicher ist, chargenorientiert zu tracen und die Teile am Ende der Produktion zu beschriften. Die Begründung hierfür ist recht einfach: SAP ist bereits vorhanden, in SAP gibt es ja bereits Fertigungsaufträge (Bedarfsauflösung) und am einfachsten bringt man die Beschriftung der Teile am Ende an, denn das Seriennummernhandling in SAP ist nicht das Beste.
Ich glaube, dass eine solche Sichtweise zu kurzsichtig ist. SAP ist an der Produktion nicht nah genug dran, um hier brauchbare Lösungen anbieten zu können. Damit sind echte Produktionsbezüge (Wurde dieses Teil tatsächlich mit diesem Produktionsauftrag gefertigt, oder kommt es nach drei Wochen aus dem Lager?) gar nicht wirklich möglich. Auch das Thema SAP und HU (Handling Unit) spiegelt nicht unbedingt den realen Inhalt einer Gitterbox in der Produktion wieder (z.B. Thema Mengenumbuchungen, abgefallene Karten auf Gitterboxen, Mengenangaben, Schmutz in den Boxen, Tara der Behälter). Das Kostenargument, dass Traceability – Systeme teuer sind, kann man so auch nicht stehen lassen, denn erstens machen sie sich bereits beim ersten wirklichen Rückruf bezahlt, zweitens unterstützen Sie enorm bei der Fehlersuche und Fehleranalyse und drittens kann man die gewonnene Datenbasis für Mehrwerte nutzen (z.B. für den Kontinuierlichen Verbesserungsprozess, Auswertungen im Bereich Qualität oder Ressource, variantenkonformes Verbauvorgänge, Sicherstellung einer echten 0-Fehler-Strategie, …) Und wenn Sie glauben, dass Sie die Einführung der Traceability mittels SAP nichts kostet, dann lassen Sie sich bitte eines besseren belehren.
Vergleichbares gilt für ein Chargen- oder Seriennummern basiertes Tracen. Wenn sie jede Seriennummer in jedem Arbeitsschritt und jedem Verbau protokollieren, dann rufen sie sehr vie weniger Teile zurück, als bei chargenorientiertem Traceing. Ein kleines Rechenbeispiel zur Verdeutlichung:
- Seriennummernbezug:
Unschärft 0, da jede Seriennummer in jedem Arbeitsschritt und jedem Verbau eindeutig.
Rückruf teilegenau: 1000 Problemteile = 1000 Seriennummern, egal wie tief die Fertigung gegliedert ist. - Chargenbezug:
Fertigungstiefe 3, Gitterboxgröße 72 Teile, lagerdisponiert mit Reichweite Zwischenlager 7 Tage, durchschnittliche Auftragsgröße 1000 Teile täglich.
=> 1.000 : 72 = 14 Gitterboxen
=> mit Zwischenlager 1: 7 * 14 = 98 Gitterboxen
=> mit Zwischenlager 2: 7 * 98 = 686 Gitterboxen
=> Teile in Summe: 686 * 72 = 49392 Teile
Wenn Sie meinen, dass mit dem Zwischenlager sei falsch, dann seien Versichert, dass Sie bestimmt nicht physikalisch die Produktion abgesichert haben, dass die Gitterboxen verwechslungs- und manipulationsfrei sind. In eine Gitterbox kann man immer hereingreifen, um ein Teil zu entnehmen, eine Karte kann immer von der Gitterbox abfallen und wird durch irgend eine neue ersetzt, Umräumen von Inhalten von Gitterboxen ist im täglichen Shop Floor Geschäft Gang und Gebe, und Umbuchvorgänge werden nicht immer vorgenommen. Sie können sich also nicht sicher sein, auch wirklich die richtigen Teile zurück zu rufen. Rufen Sie dennoch nur 1000 Teile zurück, so machen Sie einen nicht unerheblichen Fehler. Grundsätzlich wird sich an diesem Verhalten auch nichts ändern, wenn Sie andere Verfahren (z.B. Kanban) einsetzen und jede HU genau in der Produktion dokumentieren. - Ohne Chargen- oder Seriennummern Bezug:
Rufen sie um einiger maßen Sicher zu gehen am besten direkt die Produktion von 2*2*2 Monaten zurück… ca. 240000 Teile
Meine Empfehlungen an Sie:
- Schaffen Sie sich ein richtiges Traceability System an, und tracen Sie ohne wenn und aber.
- Bringen Sie, wenn es physikalisch überhaupt möglich ist, zu Beginn des ersten Arbeitsschrittes eine Seriennummer an, und dokumentieren Sie jeden Arbeitsschritt und jeden Verbauvorgang.
- Setzen Sie Chargennummern, am wirklich nur dort ein, wo es physikalisch nicht anders geht
(z.B. Kugeln bei Kugellagern, Flüssigkeiten, Gläsern u.d.g.l.)
… und sollten Sie Zukaufteile verwenden, achten Sie bitte darauf, dass Ihr Lieferant auch wirklich tracet und nicht nur sagt er würde es tun …
Dirk Fuhrmann
(So, jetzt hoffe ich auf rege Kommentare, denn die Berechnungen zum Umfang sind bestimmt für einige nicht einfach zu verstehen und erst recht zu akzepieren. Und weil dem dennoch so ist, mache ich mir keine Sorgen, denn der nächste Rückruf kommt bestimmt, z.B. Nissan oder DC (1, 2), oder Audi oder … . Nur um einige aktuelle bei n-tv zu nennen. Interessante Listen findet sich bspw. in Autobild, oder Auto Motor Sport, oder ADAC, oder…)












Andreas Emmel
9. Mai 2007 22:41
Diese Sichtweise ist sicher so erlaubt und richtig. Das Problem dabei ist, dass man die gesparten Kosten nicht direkt aufzeigen kann bzw. will.
Die Kosten die ein MES verursacht sind relativ leicht zu beziffern: Support, Lizenzen, neue Hardware usw. usf.
Ein Rückruf, so er denn geschieht, ist nicht konkret in Werten fassbar, schon gar nicht bei oder vor Einführung des MES, zu dem Zeitpunkt denkt keiner an einen Rückruf, sondern sieht nur die Kosten die direkt (s.o.) berechnet werden können.
Der echte Wert eines MES wird in einem Unternehmen erst erkannt wenn wirklich einmal der Ernstfall eingetreten ist und das System seine Stärke zeigen konnte. Das setzt allerdings voraus dass irgendwann einmal jemand sich in weiser Voraussicht mit dem Thema beschäftigt hat und die Kosten nicht gescheut hat doch solch ein System einzuführen (was ja meistens aufgrund einer Kundenforderung passiert).
Wie in allen Bereichen sei hier allerdings auch ein: “Es kommt drauf an” erlaubt:
Chargenmässige Erfassung (auch mit einer garantiert vorhandenen Grauzone) lässt sich nicht immer umgehen. Bei der SMD-Bestückung ist es ein unverhältnismässiger Aufwand genau die Bauteile zu verfolgen die auf eine Leiterplatte wandern. Allerdings hat man hier mit einem MES die Möglichkeit die von Bauteilfehlern betroffenen Seriennummern sehr stark einzugrenzen wenn man die Chargen kennt. Also ist chargenbasierte Verfolgung doch nicht immer so schlecht…
Andreas Emmel
Dirk Fuhrmann
10. Mai 2007 09:58
Eine Kostenbetrachtung des Risikos ist auch aus meiner Sicht schwierig. Aber bei der privaten Haftpflichtversicherung funktioniert es ja auch. Man hat eine, bezahlt dafür regelmäßig Geld und hofft dennoch, dass man sie nicht braucht. Warum denn nicht auch in der Produktion.
Was die Chargenerfassung von SMD Bauteilen angeht, so bin ich Ihrer Meinung. Davon ab, ist auf so manchem Wiederstand gar nicht genügend Platz für eine 183 stellige Seriennummer.
Andreas Oed
11. Mai 2007 02:31
Hallo Herr Fuhrmann,
wir (Teradata) haben eine Partnerschaft mit T-Systems. Die Kollegen arbeiten gerade an einem PoC bei DCX. Würde mich gern mit Ihnen austauschen um gemeinsame Potentiale in WOB zu identifizieren.
Danke und Gruß
A.Oed
Dirk Fuhrmann
19. Mai 2007 11:52
Hallo Herr Oed,
gerne stehe ich Ihnen für einen fachlichen Austausch zur Verfügung. Wir werden demnächst auf Sie zukommen. Bis dahin bitte ich Sie um ein wenig Geduld.
Freundliche Grüße,
Dirk Fuhrmann
T-Systems Automotive Blog» Blog Archiv » Toyota ruft Yaris zurück
5. Juni 2007 10:47
[...] Da sieht man mal wieder, was passieren kann, wenn man nur via Produktionszeitraum (4.11.2005 – 31.07.2006 bzw. 04.11.2005 – 20.02.2006) rückverfolgt! Ob die Probleme auch wirklich auftreten muss man erst noch kontrollieren – offenbar weiß man es nicht genau. Meine Vermutung daher: Hätte man besser rückverfolgt (wie ich es hier beschrieben habe), dann wären hier bestimmt viele Yaris weniger betroffen gewesen und man hätte ganz viel gespart. Und bei dieser Summe macht sich ganz schnell jedes Traceability System bezahlt – glauben Sie mir. [...]
K.H.-Berlin
11. September 2009 00:17
Ich hätte mal gerne Ihre Kontaktdaten um mal über das Thema Chargen & Serialnummern in SAP zu diskutieren.
Natürlich nur wenn es Ihnen passt.
Vielen Dank!
Kim H.
Dirk Fuhrmann
15. September 2009 14:51
Sehr geehrter Herr/Frau Kim H.
Selbst verständlich bespreche ich mit Ihnen gerne diese Thematik. Lassen Sie mir bitte hierzu Ihre Kontaktdaten und Ihre Terminwünsche zukommen. [ d . fuhrmann @ t - systems . com ]
Viele Grüße,
Dirk Fuhrmann